9. Dezember 2015

Verdammt, wo ist der Stimmungsknopf?

Weihnachtsstimmung – was ist das? Ich fühle gar nichts! Die Werbung strahlt grell und kitschig von allen Seiten wie ein kaltes Xenonlicht. Leere vorweihnachtliche Worthülsen fliegen an mir vorbei. Wo ist das Weihnachtsgefühl aus Kindertagen hin? 

Wann habe ich zum letzten Mal wirklich das Gefühl gehabt, dass Weihnachten ist? 

Eine Erinnerung blitzt auf. Ich bin mir nicht sicher, wie alt ich damals genau war. Ich schätze 10, 11 oder vielleicht 12 Jahre. Ich erinnere mich genau an diesen Heiligen Abend irgendwann Anfang der 90er. Es muss wohl der letzte Weihnachtsabend gewesen sein, an dem ich bewusst und deutlich ein Weihnachtsgefühl "gefühlt" habe. 

Draußen legte sich die Dämmerung in festlichen Blautönen über die kalte Schneelandschaft. Zarte Flocken tanzten leicht durch die Luft. In dicke Jacken gepackt, liefen wir – meine Schwester, meine Eltern und meine "Omma" mit roten Backen durch den quietschenden Schnee Richtung Kirche. 

Doch uns Kindern ging es nicht um Religion, sondern um das stimmungsvolle Krippenspiel. Kinder, die etwas älter waren als ich spielten dort in bunten Gewändern die Krippenszene nach, während das alte Gemäuer des Kirchenschiffs von klassischen Weihnachtsliedern monumental erfüllt wurde. Mystische Gesichter von verwittertern Wandgemälden blickten stumm auf mich herab. Gruselig schön.
 

Ich erinnere mich deutlich an meine kalten Hände und meinen warmen Hintern, der von der alten Heizung unter den Holzbänken angewärmt wurde. Es war ein Gefühl der gleichzeitigen Kälte und Wärme – auf eine ganz eigene Art überaus stimmungsvoll.

Die knisternde Weihnachtsstube

Nach dem Krippenspiel stapften wir nach Hause. Kaffeezeit. Während wir wieder durch die kalten Straßen der festlich geschmückten Stadt liefen und die Flocken vor unserem Gesicht tanzten, dachten wir an die warme Stube, leckere Plätzchen und duftenden Tee in stimmungsvollem Kerzenlicht. 

Am Kaffeetisch – im Hintergrund lief die Schallplatte "Weihnachten in Familie" – waren wir Kinder gedanklich bereits bei der bevorstehenden Bescherung. Die Erwartung steigerte sich immer mehr. Würden wir DIE Geschenke bekommen, die wir uns so sehr gewünscht hatten?

Viel schneller als die Erwachsenen waren wir fertig mit Keksen, Stollen und Getränk. Gespannt schauten wir auf die Teller der Eltern und Großeltern – sie aßen noch, in aller Seelenruhe. Das Räuchermännchen legte noch immer ein dickes Qualmband in die Luft. 

Endlich war es soweit. Wir wurden ins Kinderzimmer geschickt. Minuten verstrichen. Interessante Geräusche im Haus. Türen gingen auf und zu. Füße waren in Bewegung. Dennoch schien die Zeit stillzustehen. Greifbar nah war der glückliche Moment der Bescherung. 

Kling Glöckchen klingelingeling

Dann endlich das Glöckchen. Freudig erregt betraten wir langsam die Weihnachtsstube. Der Baum stand in voller Pracht mit leuchtenden Kerzen, bunten Kugeln aus dem Thüringer Wald, Strohsternen, Holzschmuck und Schokoladenkringeln vor uns. 

Es roch nach Tannennadeln, Harz, Wachs und Süßigkeiten – weihnachtliche Klänge im Hintergrund. Die bunten Päckchen lagen dekorativ unter dem Baum und magnetisierten unsere kindlichen Augen – ein Traum!

Echte Kerzen, duftende Nadeln und Schokoladenkringel 

Klack
zurück im Hier und Jetzt 

Verdammt, wo ist das Gefühl von damals hin? Lag es nur daran, dass wir uns als Kinder schon ab Oktober auf die großen, bunten Geschenke freuten? Große Geschenke, die wir uns von unserem Taschengeld nie hätten leisten können? 

Oder lag es nur daran, dass die Winter früher wirklich Winter waren. Dicker Schnee und klitzernder Reif in jeder Ecke des Gartens. Festliche Optik der Extraklasse. 

Oder lag es nur daran, dass wir uns nicht den geringsten Stress in der Vorbereitung machen mussten? Die Eltern kümmerten sich ja um alles. Wir Kinder saßen ja im gemachten "Festnest". 

Ist es für einen Erwachsenen vielleicht gar nicht mehr möglich, diese märchenhafte Weihnachtsstimmung zu fühlen?

Fragen über Fragen. Ich brauche dringend ein paar Antworten!

Kommentare:

  1. Der Stimmungsknopf ist am Kerzenhalter rechts unten. Einmal drücken, dann geht die Kerze wieder hoch. Spaß beiseite. So geht das natürlich nicht. Die Kerze hat die Zimmertemperatur verbogen. An einem kalten Wintertag stand sie ganz oben auf dem Regal in unserem Wohnzimmer unter dem Dach in unserer Dachwohnung eines Mehrfamilienhauses in der Mühlenstraße in Jena. Da gab es einen Kohleofen. Falls jemand noch weiß, was das ist. Da begann die Weihnachtsstimmung schon im Sommer, wenn bei 30 °C die Kohlen vor die Haustür geschüttet wurden. Die mussten dann in den Keller und im Winter eimerweise in die Wohnung. Da es auch keine Temperaturregelung am Ofen gab, konnte eine Kohle mehr schon soviel Wärme bringen, dass es reichte die Kerze zu verbiegen. Das gab es ein Mal. immerhin ist Weihnachtsstimmung öfters zu erleben, hat aber irgendetwas mit winterlichen Temperaturen zu tun, mit kalten Zimmern morgens vorm Heizen und mit Eisblumen am Fenster. Mit leeren Nikolausstiefeln, in die der Wunschzettel gelegt werden musste. Am Morgen danach war Schokolade darin, ein paar Nüsse, vielleicht eine Apfelsine. Schokolade gab es übrigens nur zum Nikolaustag, zu Weihnachten oder zum Geburtstag. Weniger war mehr für die Weihnachts(ein)stimmung. Vom Schokoladenverbrauch her gesehen haben wir heute ganzjährig Weihnachtstimmung, nicht erst ab September, wenn die Schokoladennikoläuse in die Läden kommen. Aber das wollte ich ja gar nicht sagen. Ich wollte sagen, dass es bei mir drei Stimmungslagen gab. Die als Kind mit dem unbeschwerten Weihnachtserleben und dem Wunschzettel, dann die als junger Mann mit Armee, Studium und Beruf und dann die mit eigener Familie. Da war es spiegelbildlich. Das begann auch wieder mit dem Wunschzettel. Diesmal war es nicht der eigene. Und es hatte auch wieder mit Schokolade, Apfelsinen und Geschenken zu tun. Und das schönste war das Leuchten in den Augen des beschenkten Kindes am Weihnachtsabend. Und schließlich das Leuchten des ganzen Kindes. Da kam die Weihnachtstimmung in ungeahnte Dimensionen.

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  2. Wow, danke für Deine vielen, tollen Gedanken zum Thema. Besonders interessant finde ich den Punkt mit dem Schokoladenkonsum (Süßigkeitenkonsum). Und ja, DU hast Recht. Wir haben heute tatsächlich das ganze Jahr "ChristMast". Genau das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum wir das eigentliche Fest tatsächlich immer weniger wahrnhehmen. Wenn man jeden Tag im Überfluss lebt, wie soll man dann zu Weihnachten noch einen besonderen Höhepunkt erleben?

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  3. Ja, da ist es schon wieder rum, das Weihnachtsfest und die Frage nach dem Verbleib der Stimmung kreist noch immer in meinen Gedanken umher...
    Viel zu stressgeladen geht es stets ins Ende des Jahres, dabei liegt das nicht mal an den Geschenken....vielleicht geht das aber auch nur mir so und das ganze ist eher berufsbezogen. Wer weiß. Jedoch erinnere ich mich an weiße Weihnachten und kindliche Ungeduld lange lange vorm Fest. Im Kindergarten hörten wir bereits vor Ende des Laubfalls weihnachtliche Geschichten und Märchen an. Wir malten und bastelten den ganzen November und die Adventszeit hindurch und studierten Weihnachtslieder ein. Später haben wir sogar kleine Konzerte für die Familie einstudiert, du mit dem Saxophon, ich mit der Flöte, weißt du noch? An den Adventswochenenden haben wir mit den Eltern gebacken...Muttis leckere Kokosmakronen und Vatis dicke Schokoladenlebkuchen, an dessen Geheimnis wir auch heute nicht kommen. Wir hatten große Wünsche und die Minuten schienen zu Tagen zu werden, spätestens ab dem Moment an dem wir alle gemeinsam den Baum schmücken durften. Da war meine Weihnachtsstimmung dann immer auf dem Höhepunkt. Schön war das damals. Du hast sicher Recht, wir waren ganz und gar sorgenfrei und unbekümmert, fokussiert nur aufs Fest. Für mich ist es heute das größte Glück, wenn wir die Zeit finden uns an einem Adventswochenende alle zu sehen oder Weihnachten gemeinsam zu vebringen. Wenn wir gemeinsam in der Kälte um den Grill stehen und die Thüringer Rostbratwürste aus Jena knackig und kross brutzeln, dazu der köstliche selbstgemachte Kartoffelsalat, dann vergesse ich den Jahresendstress und fühle mich einfach nur zufrieden. Sicher ist das eine ganz andere Weihnachtsstimmung als damals, als wir noch Kinder waren und uns nach dem Weihnachtsfest gar nicht vorstellen konnten, wie es davor ohne das neue Spielzeug gewesen sein mag. Ich weiß jedoch, dass mir dieses Gefühl ganz arg fehlt, wenn ich am heiligen Abend nicht mit euch gemeinsam unterm Baum sitzen kann. In diesem Sinne, freue ich mich schon jetzt auf das nächste Weihnachtsfest, mit EUCH!!

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    1. Eben spontan eine Idee gehabt: Vielleicht sollte man zu Weihnachten einfach mal nach Schweden oder Dänemark verreisen. Irgendwo aufs Land. Absolute Abgeschiedenheit. Mitten im Schnee. Wir sitzen dann in den roten Holzhütte vor dem Kamin und trinken selber gemachten Kakao. Und der kleine Basti bekommt ganz viele bunte Lego-Steine :)

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  4. Die Antwort ist einfach, schaff Dir Kinder an, dann sollte das (wenn der Rest passt) eigentlich alles wie von selbst wieder kommen ;)
    [Früher gab es einfach auch keine so langen kinderlosen Phasen bei Erwachsenen, da kam der Nachwuchs auch schon mit Anfang 20]

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  5. Danke für den inspirierenden Text der eine superspannende Frage aufwirft: Was macht diese Stimmung aus und kann man sie irgendwie konservieren?
    Deine Idee mit der Schwedenreise ist ja so etwas wie ein Verstärker für diese Weihnachtssituation, die wir als Kinder spüren. Vielleicht sind wir als Kinder aufmerksamer für Atmosphären und Situationen. Die Rationalität und Kausalität des erwachsenen Wahrnehmens macht vielleicht unempfindlich für diese Feinheiten. So eine Art Abnutzungserscheinung der atmosphärischen Aufmerksamkeit. Vielleicht.

    Ich glaube was diese Weihnachtsstimmung ausmacht ist nicht der Geruch von irgendwas, das Wetter oder die Vorfreude auf Geschenke. Meine Vermutung ist dass es einer der wenigen Momente ist, in dem alle Menschen im gleichen Modus sind: Entspannt, zufrieden und glücklich. Diese Situation gibt's sonst nicht so oft. Ich hatte das Glück mal die Grabeskirche in Jerusalem zu besuchen. Der Ort spielt ja nicht nur für die Christen, sondern auch in der islamischen und jüdischen Religion eine unheimlich wichtige Rolle. Ich bin nicht religiös und ging da völlig ohne Erwartung und eher beiläufig hin, aber die Spiritualität die diesem Ort innewohnt hat mich für Tage und Wochen völlig umgehauen. Das lag daran, dass mit Betreten des Raums alle Anwesenden in der gleichen Stimmung oder besser gesagt im gleichen Modus waren. Niemand konnte sich dem entziehen und mir wurde klar warum das als Göttlichkeit interpretiert wird.
    Vielleicht will ich will damit sagen dass es den Knopf so wahrscheinlich nicht gibt, sondern es eher das Zusammensein mit Menschen ist, die mit einem Schlag alle im gleichen positiven Modus ticken. Darum gehts glaub ich. Wenn man sich das bewusst macht, kann man das vielleicht auch konservieren oder gar erzeugen.

    Ich gehe seit Jahren an heilig Abend mit meiner Mutter, meinem Vater und meiner Schwester in die Kirche. Spätestens ab der Pubertät eher meinen Eltern zuliebe als aus Überzeugung. Aber dieser Moment, wenn zum Abschluss des Gottesdienstes die komplette Kirche verdunkelt wird, wir als Familie uns an den Händen fassen und die ganze Kirche erst ganz leise und dann in voller Lautstärke "Stille Nacht" singt, treibt mir heute genauso Tränen der Rührung in die Augen wie als Kind. Das wäre vielleicht dann doch mein Knopf... ;-)

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